Dezentralisierte Bildung durch die Blockchain? – Ein Interview mit Leon Siegmund

 

Das Bildungsystem von heute formt bekanntlich die Generation von Morgen. Wir haben uns gefragt wie man das staatliche Bildungsmonopol, u.a. mithilfe der neuartigen Blockchain-Technologie, verbessern kann und haben dazu Leon Siegmund Co-Produzent des Films “Schools of Trust” zu einer neuen freisinnigen Bildungsbewegung in Deutschland befragt.

 

Erik: Hallo Leon, erzähl uns ein bisschen über dich. Wie stehst du zu den Themen Dezentralisierung und Bildung?

 

Leon: Meine Schulzeit war ziemlich zäh, denn mein Entdeckungsdrang wurde durch den Lehrplan stark beeinträchtigt. Meine Schule war zwar bemüht das Beste daraus zu machen, aber es waren Perlen vor die Säue für mich mit 8 Jahren in Geschichte und Französisch zu unterrichten. Nur in den seltenen Fällen, wenn es um eigene Interessen ging, zum Beispiel bei Projektarbeiten, hatten meine Lehrer große Freude. Durch die Arbeit an dem Film “Schools of Trust” habe ich sehr viel über die Schulbildung gelernt und bin zu dem eindeutigen Schluss gekommen: Ein Mensch kann nicht zum Lernen gezwungen werden. Wer dass versteht, weiß auch, dass zentral geplante BIldung nie so gut sein kann, wie dezentrales und intrinsisch motiviertes Lernen.

 

Erik: Wie kann man sich so ein individuelles Schulprogramm vorstellen? Kann man überhaupt die Leistungen der Schüler an einem objektiven Maßstab bewerten?

 

Leon: Um einen Einblick in den Schulalltag solcher Schulen zu gewinnen, sollte man sich am besten den Film anschauen oder eine Schule besuchen. Die Schüler entscheiden jeden Tag selbst, was sie lernen möchten. Es gibt auch keine Klassen, so dass man viel mehr von den älteren Schülern lernen kann. Die Lehrer sind keine Vorgesetzten, sondern unterstützen die Schüler dabei, den Lerninteressen nachzugehen. Alle Belange des Schulalltags werden von Schülern und Lehrern gemeinsam in regelmäßigen Schulversammlungen geregelt. Im Grunde wird versucht, das Lernen so natürlich wie möglich zu machen, also die Lernumgebung gänzlich von Zwang und Angst zu befreien. Studien haben gezeigt, dass nur gute Noten motivieren und schlechte oder mittlere Noten eher negative Effekte haben. Negative Emotionen, Angst und Stress verhindern nachhaltiges Lernen und können auch zu Lernblockaden führen. Darum ist das Konzept jemanden per Zwang zu bilden per se der falsche Ansatz. In demokratische Schulen lernt man erstmal nur, was einen interessiert und natürlich auch basale Kulturtechniken, ohne die man nicht auskommt.

Wenn ein Schüler seinen ‘Berufswunsch’ gefunden hat, muss er meistens einen Abschluss machen. Dann ist der Sinn aber auch deutlich und es besteht ein intrinsisches Interesse, den Test gut zu bestehen. So gelingt auch der Übergang von der Spielwiese zu einer professionellen ‘Karriere’.

 

Erik: Klingt interessant. Werden diese Schulen bereits als alternativer Bildungsweg von Arbeitgebern und staatlichen Dienststellen anerkannt? Wenn ja, wie kann man mehr Eltern davon überzeugen ihre Kinder nicht in das staatliche Bildungssystem zu stecken?

 

Leon: An diesen Schulen kann man meistens nur den mittleren Schulabschluss machen. Abitur muss man extern ablegen. Danach kommt es natürlich ganz darauf an, in welche Richtung man gehen will. Wenn ich Bestatter, Müllmann oder Telefonist werden will, muss ich lediglich einen Tag zur Probe arbeiten. Wenn ich Bahnfahrer, Krankenschwester oder Florist werden will, macht eine Lehre Sinn. Um bei einem Konzern als Ingenieur zu arbeiten, ist das Studium bislang wohl noch unumgänglich.

Auf der anderen Seite kenne ich viele Leute, die ein lebender Beweis dafür sind, dass man auch ohne Abschluss hoch professionelle Leistungen bringen kann. Viele der erfolgreichsten Unternehmer haben nie etwas zuende studiert. Man kann BWL mit Büchern oder online studieren und dann teilzeit eine Selbständigkeit beginnen. So lernt man schneller, praktischer und vorallem mit Begeisterung. Man kann Programmieren lernen und ohne Abschluss oder Zertifikat einen Top-Arbeitsplatz finden. Es wird nicht mehr lange dauern bis auch Maschinenbau und Chirurgie einfacher und günstiger vermittelt werden, als es momentan mit dem schwerfälligen und wenig innovativen staatlichen Angebot stattfindet.

Ich glaube der Bildungssektor steht vor einer großen Veränderung. Erstens hat sich der Arbeitsmarkt globalisiert sowie inhaltlich erneuert und dadurch kommen neue Anforderungen ins Spiel. Zweitens werden immer mehr professionelle Bildungsinhalte und Kurse frei und kostenlos verfügbar. Das führt dazu, dass es immer mehr Wege gibt, um beruflich zu starten und sein Lebensglück zu finden.

Ich bin überzeugt, dass die staatlichen Zertifikate in Zukunft mehr und mehr an Bedeutung verlieren und durch Alternativen ersetzt werden.

Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder nirgendwo hinstecken, denn die Kinder sind Menschen mit den exakt gleichen Rechten wie wir sie auch genießen. Sie sollten selbst entscheiden, wo sie am besten zurechtkommen. Um das Thema bekannter zu machen ist es ganz wichtig, dass jeder Einzelne etwas kleines tut, denn von alleine wird sich nichts ändern.

Funfact: Keiner im Team von Schools of Trust hat Film oder Kamera studiert und trotzdem gibt es eine DVD und 50.000 Trailerklicks.

 

 

Erik: Wie kann die Blockchain zur Dezentralisierung der Bildung genutzt werden?

 

Leon: Es scheint bereits einen natürlichen Wandel, weg vom Bildungsmonopol hin zu freien und vielfältigen Alternativen zu geben. Die alternativen Schulverbände haben großen Zulauf, die Bildungskonferenzen sprudeln vor disruptiven Ideen und Tatendrang und es gibt zahlreiche Kampagnen. In Frankreich gab es letztes Jahr 12 neue Schulgründungen, dieses Jahr können es europaweit über 50 werden. Ich verfolge die Szene seit 3 Jahren und bin sehr optimistisch, dass mehr Menschen Bildung selbst in die Hand nehmen, weil es immer mehr funktionierende Beispiele gibt.

Christoph, der Regisseur von Schools of Trust, hat mich vor ein paar Tagen angerufen und mir eine Idee vorgestellt. Eine Internetplattform, die es ermöglicht das Abitur zu machen, ohne je auf eine Schule zu gehen. Die Kosten wären im Vergleich zu den Milliarden Kosten der öffentlichen Schulen so gering, dass der höhere Bildungsabschluss einer viel breiteren Masse zugänglich wäre. Die Blockchaintechnologie wäre dann sehr gut für die Zertifizierung nutzbar. Anstelle von Stempeln und Akten wird die Note einfach in einen Account eingetragen und ist sicher und überall verfügbar. Mittels Crowdsourcing der Gutachtung wäre auch das Monopol des Doktorvaters aufgelöst und viele Politiker wären vor peinlichen Plagiatsaffären bewahrt.

Ich sehe in der Zukunft aber noch eine viel tiefgreifendere Veränderung durch die Blockchain-Technologie im Kontext von Modellen wie Bitnation. Das große Problem aller Bildungsalternativen ist, dass die Kosten momentan zentralistisch durch Steuern finanziert werden. Somit ist das Geld, dass die Eltern für ihre Kinder ausgeben könnten schon verplant. Die zentrale Planung geht natürlich mit einem erheblichen Einfluss der Politik auf die Bildungslandschaft einher. Im Film Schools of Trust zeigen wir, dass es viel mehr Möglichkeiten und Wege gibt, als die momentan angebotenen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Uni). Es wäre viel schöner, wenn jedes Kind die zu ihm passende Schule bekommen könnte. Doch diese Schulen müssen eben zur Zeit sehr viele Hürden meistern, um an das Geld zu kommen, dass ihnen zusteht.

Mit Bitnation sehe ich dieses Problem gelöst, weil das Geld denzentral eingesetzt wird und sich jeder nach seinen Präferenzen entscheiden kann. Wer jetzt meint, man muss doch irgendeine Richtung vorgeben irrt sich. Jeder Mensch und vorallem junge Menschen haben das Recht auf Selbstbestimmung.

 

Erik: Vielen Dank für deine Zeit. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Projekten und Überlegungen zum gesellschaftlichen Wandel.

 

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Erik Vollstädt

Bitnation Lead Ambassador and Community Director. Born 1993, aspiring entrepreneur and champion of voluntary societies & private property ethics. Proponent of counter-economics and competing market currencies, such as cryptocurrencies. Represented Bitnation as Lead Ambassador since 2015 at the Riga Bitcoin and Cryptocurrencies Meetup, the iBGEk basic income stage discussion in Klagenfurt (Austria), the Cointelegraph Blockchain Conference in Helsinki, the Zündfunk Netzkongress in Munich, at itnig for the Barcelona Bitcoin Community during the Mobile World Congress 2017 and at the Bitnation DevCon 2017 in Amsterdam. Author of the Bitnation blog. Media appearances include Shift (Deutsche Welle), Der Fehlende Part (RT Germany) and Zündfunk (BR2). Coordinates Bitnation's ambassador network globally and organizes meetups all over Europe. Graduated in Business Innovation & Technology Management (M.Sc.) in Girona (Catalunya, Spain). Wants to live an international lifestyle.

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