Singularität, Privatrechtsgesellschaft und Kryptoanarchie

 von Marie Dähnhardt

Es sollte angemerkt werden, dass dieses Thema derart komplex ist und nicht komplett vorhersehbar ist, so dass der Text Fehler enthalten wird. Dennoch dürften die Erkenntnisse zumindest in die richtige Richtung gehen. Auch ist das Thema zu umfangreich, als dass es hier ausreichend dargelegt werden könnte. Es wird für viele sehr unglaubwürdig erscheinen und es werden unendlich viele Kritikpunkte übrig bleiben. Gerade für all jene Leser, die nicht mit der Österreichischen Schule der Ökonomie vertraut sind und von der Singularität noch nie etwas gehört haben. Die dargestellten Entwicklungen sind unvermeidlich. Nur das letztendliche Ergebnis ist offen. Wir haben die Wahl zwischen totaler Freiheit nach der Idee einer Privatrechtsgesellschaft oder einer totalen, weltweiten Diktatur, gefolgt von globalem Chaos und letzten Endes wohl dass Ende der Zivilisation. Eine Zwischenform ist kaum denkbar, da zunehmend stärkere Kräftere in beide Richtungen wirken. Zum Abschluss soll betont werden, dass hier keinerlei Gewalt oder sonstige Verbrechen befürwortet werden.

In der Vergangenheit war menschliche Intelligenz ein Geschenk der Evolution. Doch schon bald nicht mehr. In Kürze werden wir unsere Intelligenz durch Technologie verbessern. Der Punkt, an dem (menschliche und/oder künstliche) Intelligenz sich so rapide selbst verbessern wird, dass kein „normaler“ Mensch dem mehr folgen kann, bezeichnet man als die „technologische Singularität“ (engl. Singularity). Der wohl bekannteste Vordenker dieses Ereignisses ist Raymond Kurzweil, der bereits seit vielen Jahren den technischen Fortschritt kommentiert und ziemlich akkurat vorhersagt. Das Eintreten der Singularität datiert er auf das Jahr 2045. Andere Denker – allesamt führende Technologieexperten – setzen sie etwas früher oder später an. In jedem Fall aber noch vor Ende des 21. Jahrhunderts.

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Die enorme Geschwindigkeit scheint zunächst völlig übertrieben zu sein. Kurzweil unterscheidet jedoch zwischen „intuitiv-linearen“ und „historisch-exponentiellen“ Sichtweise auf die Geschichte. Man merke zwar heutzutage einen recht schnellen technologischen Fortschritt. Aus Erfahrung sei aber noch nicht ganz ersichtlich, dass es sich wirklich um einen exponentiellen Trend handelt, da wir uns gerade auf der „Knie“ der Kurve befinden. Kurz danach wird der Trend bereits explosiv. Bald schon (in wenigen Jahrzehnten) wird der technologische Fortschritt so schnell sein, dass die Kurve vollkommen vertikal erscheinen wird. Die Geschwindigkeit des Fortschritts verdoppelt sich momentan alle zehn Jahre. Im Vergleich zum 20. Jahrhundert werden wir demnach im 21. Jahrhundert nicht die Äquivalenz des der vergangenen 100 Jahre, sondern 20.000 Jahre an Fortschritt erleben. In Sachen Technologie also 20.000 mal das 20. Jahrhundert.

Es gab in der Weltgeschichte kaum etwas, das diesen exponentiellen Trend auch nur verlangsamt hätte. Zwar ist nach dem Untergang des Römischen Reichs tatsächlich sogar technisches Wissen verloren gegangen. Aber wenn man sich heutige Wirtschaftskrisen ansieht passiert mit der Kurve im Prinzip gar nichts. Selbst der Zweite Weltkrieg und die Große Depression der 1930er Jahre hatten nur eine leichte Delle zur Folge. Sogar die heraufziehende neue Depression , die vermutlich größer wird als alles andere bisher dagewesene, wird den Trend maximal verlangsamen, aber kaum aufhalten. Solange es keinen Kollaps der Zivilisation oder totalitäre Weltregierung gibt, wird die Entwicklung unverändert weiterlaufen. Zwar werden die Staaten alles versuchen, um ihre Kontrolle international auszuweiten. Aber wir werden später noch sehen, warum es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie damit umfassenden Erfolg haben werden.

Der Weg hin zur Singularität wird hauptsächlich durch drei technologische Entwicklungen gekennzeichnet sein: Biotechnologie, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz (engl. „artificial intelligence“; AI).

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Nanotechnologie wird sich ab den 2020er Jahren merklich entwickeln. Das Endziel dabei ist die Schaffung sogenannter Nanobots – winzige Roboter, die molekulare Fertigung betreiben können. Jeden erdenklichen Gegenstand könnte man so aus meist weit verbreiteten Atomen zusammensetzen. Die Hardware für künstliche Intelligenz (AI) entwickelt sich nach dem Moores’schen Gesetz. Demnach verdoppelt sich die Rechenpower, die man für 1000 Dollar kaufen kann alle 12 bis 18 Monate. Software entwickelt sich etwas langsamer, aber dennoch exponentiell. Ende der 2020er Jahre wird es voraussichtlich möglich sein, das menschliche Gehirn kostengünstig zu simulieren, da bis dahin vollständige Gehirnscans durch Nanobots möglich sein werden, die von innen – in Echtzeit, Scannen können. Damit dürfte die Funktionsweise des Organs bis dahin weitgehend entschlüsselt sein. Zu Beginn der 2030er Jahre wird ein haushaltsüblicher Computer etwa 10 bis 100 Millionen Mal leistungsstärker sein als heute.

Gegen Ende der 2030er Jahre werden Verbindungen zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern möglich sein. Jeder würde dann ultraschnellen Zugang zu allem haben, was im Internet verfügbar ist – ohne lesen zu müssen. Derartige Implantate gibt es bereits heute, nur ist die Leistung noch extrem gering – 3 Bit pro Sekunde. Bis zum Jahr der Singularität 2045, wird nicht-biologische Intelligenz eine Milliarde Mal stärker sein, als die biologisch-menschliche und beides wird verschmelzen.

 

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Es gibt drei Routen, die zur Singularität führen können.

Die eine, von der Kurzweil ausgeht, ist eine allmähliche Verschmelzung zwischen der menschlichen und künstlichen Intelligenz. Dieser Weg dürfte relativ unkompliziert sein, da er durch den Markt und damit durch die Wünsche der Konsumenten getrieben wäre. Die zweite Route ist etwas problematischer . Wenn es kostengünstig wird, ein menschliches Gehirn zu simulieren, dann bekommt die Welt eine Art Überbevölkerungsproblem. Die Zivilisation könnte zurückfallen in eine „Malthusianische Falle“. Der Lohn der menschlichen Arbeit ist dann nur so hoch, wie die Kosten einer gleichwertigen Simulation. Niemand würde für eine menschliche Arbeitskraft mehr zahlen, wenn es eine billigere Alternative gebe. Wenn wir davon ausgehen, dass die Simulationen schon bald sehr günstig wären, wird der Lohn auf ein Existenzminimum (oder darunter) fallen – auch wenn die gesamte Produktivität zunimmt.Die zusätzliche Produktivität könnte den fallenden Lohn nicht ausgleichen.

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IBM ist es bereits gelungen das Gehirn einer Katze zu simulieren. Schon bald werden sie das gleiche mit einem Affengehirn geschafft haben. Von da an ist es nicht mehr weit zum Menschen. Nur ein kleines Land müsste derartige Simulationen erlauben, dann müssten alle anderen wegen des ökonomischen Drucks mitziehen. Wir werden später auf einen Lösungsansatz zurück kommen.

 

Der dritte Weg ist die Intelligenzexplosion einer Ultra-AI.

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Es könnte noch vor alledem gelingen, eine künstliche Intelligenz zu schaffen, die der menschlichen weit überlegen ist und ihre eigene Funktionsweise so gut versteht, dass es zu einer Explosion ihrer Möglichkeiten kommt. Die erste Ultra-AI würde sich sofort selbst verbessern und mit der erhöhten Intelligenz noch weiter verbessern. Wir könnten noch nicht einmal eine zweite Ultra-AI erschaffen, um die erste zu kontrollieren. Denn die erste wäre der zweiten stets überlegen.

Die dringendste Frage der Menschheit ist vielleicht: Wie bauen wir eine Ultra-AI, die dem Menschen gegenüber freundlich gesinnt ist und uns nicht zerstört. Das größte Problem ist wohl, dass es einfacher und schneller wäre, irgendeine Ultra-AI zu schaffen und dabei nicht darauf zu achten, ob sie freundlich ist. Sich Gedanken darüber zu machen, wie sie freundlich gestaltet werden könnte, dauert vermutlich wesentlich länger. Der militärische Wettbewerb zwingt die Staaten dazu, so schnell wie möglich eine Ultra-AI zu schaffen, da das erste Militär die größte Chance zur Allmacht hätte und alle anderen fortan dominieren würde. Jeder muss also so schnell wie möglich handeln – ohne mit ausreichen Sicherheit darauf zu achten, ob die AI wirklich freundlich seien wird.

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Sogar eine Weltregierung würde daran nichts ändern, da immer noch verschiedene Machtblöcke in ihr existierten, die dazu in der Lage wären, ein umfangreiches geheimes Programm zur Entwicklung einer Ultra-AI (oder anderer Hochtechnologie) zu schaffen, mit dem anschließend Dominanz über die anderen Eliten ermöglicht wäre. Das führte zu gegenseitigem Misstrauen, welches eine vollständige internationale Regierung erschwerte oder unmöglich machte. Der internationalen Machtausweitung könnte durch Machterwerb und Misstrauen eine gewisse Grenze gesetzt sein.

Eine Ultra-AI müsste wohl eine Art marktähnliche Simulation in sich haben, d.h. durch wenige gesetzte Prinzipien selbstregulierend sein. Immer, wenn sie auf unerwünschte Art handle, würde sie sich automatisch selbst schaden. Egal wie intelligent sie ist, dem könnte sie niemals entkommen, da ihr allein der versuch, daraus zu entkommen, schaden würde. Man bräuchte aber eine vollkommen totalitäre Weltregierung, um andere daran zu hindern, eine böse Ultra-AI vor einer guten zu schaffen. Doch die wäre weder wünschenswert, noch stabil genug.

 

Einziger Ausweg ist eine Privatrechtsgesellschaft.

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Bis jetzt waren die Kriege der Menschheit hauptsächlich symmetrisch – das eine Heer kämpfte auf einem Schlachtfeld gegen ein anderes. Der Staat, der von seiner Bevölkerung mehr Steuergeld herauspressen konnte, gewann. Unter solchen Umständen ist Freiheit kaum möglich, da eine totalitäre Ordnung immer marginal besser gerüstet ist, als eine freiheitliche. Die Ausbeutung der in der Regel produktiveren, freiheitlichen Ordnung wird dann sehr lukrativ. Die industrielle Revolution hat das geändert. Die freiheitlichere Großmacht, kann seitdem auf bessere Technologie zurückgreifen, da man Menschen nicht zur Kreativität sondern nur zum Gehorsam zwingen kann. Amerika wurde zur dominanten Militärmacht. Doch auch Amerika kann keine asymmetrischen Kriege gewinnen, wie Vietnam, der Irak oder Afghanistan zeigen. Den Guerillakrieg verlieren die Großmächte auf lange Sicht immer. Der Widerstand macht sich dabei vor allem den bürokratischen Aufbau der Armee zu Nutze.

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Auch Amerikas Streitmacht wird staatlich finanziert und ist hierarchisch geordnet. Deshalb sind die Entscheidungen träge und unflexibel. Die Kosten sind hoch und das Erkennen von Fehlern ist langsam, da kein Wettbewerb herrscht. Auch stellt sich ihr das von Ludwig von Mises entdeckte „Kalkulationsproblem“. Mises stellte fest, dass es im Sozialismus, wenn alle Produktionsmittel dem Staat gehören, keine Preise für die Produktionsmittel geben kann. Wenn es keinen Tausch geben darf, kann kein Handelspreis entstehen. Der Staat muss aufgrund des Kalkulationsproblems Äpfel mit Birnen vergleichen. Will er beispielsweise einen Panzer herstellen, muss er eine Fabrik bauen und bestimmte Rohstoffe benutzen. Er kann aber nicht wissen, welche Produktionsweise die beste ist. Für den Panzer gibt es keinen Markt, also auch keinen Preis.

Der Staat weiß daher nicht, wie er die Rohstoffe am Besten herstellen soll, welche er nehmen soll, wo und wie er den Panzer zusammensetzen soll und wie viele er bauen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob der Panzer überhaupt das Beste für seine Zwecke ist, weil er Gewinn oder Verlust nicht in einer homogenen Einheit messen kann. Hätte alles einen Preis und wäre auch der Bereich der Sicherheit privat organisiert, müssten die Sicherheitsfirmen und Versicherungen nur sehen, welche Rohstoffe das Beste Preis-Leistungsverhältnis haben, welche Panzer und Maschinen die beste Lösung erbringen. Auch könnten sie Gewinn und Verlust bei verschiedenen Verwendungen und Strategien berechnen. Im staatlich organisierten Sicherheitssystem entfällt diese Rechengrundlage.

Dass die Sicherheit durch den Staat organisiert ist, war bis jetzt (im Vergleich zur Zukunft) kein großes Problem. Mit den künftigen Technologien werden Menschen oder Gruppen aber extrem viel Macht bekommen, gegen die der träge Staatsapparat wenig ausrichten kann. Wie lässt sich also Chaos vermeiden?

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Durch Nanotechnologie wird der Fortschritt der digitalen Welt (mit dem die staatliche Bürokratie jetzt schon nicht Schritt halten kann) auf die reale Welt – auf physische Produkte, übertragen. Bio- und Gentechnologie werden unglaubliche Waffen einfach produzierbar machen. Schon sehr bald wird man mit 3D-Druckern immerhin konventionelle Waffen ausdrucken können. Man kann entsprechende Technologie verbieten – aber auf diese Weise nicht die ganze Welt kontrollieren. Da die Staaten keinen anderen Ausweg kennen, werden sie den brutalsten Totalitarismus durchsetzen wollen, um Sicherheit gewährleisten zu können. Und die verängstigte Bevölerung lässt alles mit sich machen.

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Angenommen wir lebten in einer anarchistischen bzw. privatrechtlich organisierten Welt, es gebe kein Militär und keine Polizei. Dann würden Sicherheitsaufgaben von privaten Versicherungsunternehmen übernommen werden. Die Versicherer würden auf internationaler Ebene agieren, wären vertraglich miteinander verbunden und durch ein Netz von Rückversicherern abgesichert [ähnlich wie Googlements und Archipelagos].

Der Einzelne würde sich eine Firma aussuchen und eine monatliche Prämie bezahlen. Mit diesem Geld sorgte die Firma dann für die Sicherheit ihrer Kunden. Ihr stellte sich das Kalkulationsproblem nicht. Sie wüsste genau, unter welchen Umständen sie etwas effizient macht.

Der Wettbewerb zwischen den Versicherern stellte sicher, dass alle ihr Bestes geben. Wer dennoch geschädigt würde, dem stünde von Seiten der Versicherung eine Entschädigung zu. Die Unternehmen wären also äußerst bedacht darauf, es niemals soweit kommen zu lassen, sonst verlören sie Geld.

Auch wären sie sehr daran interessiert, den Täter zu schnappen, da sie sich von dort das Geld zurückholen könnten. Gerade in der unsicheren Welt, die bevorsteht, wäre jeder, der kein Terrorist ist, versichert.

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Zumal kaum jemand mit Unversicherten handeln würde, da die Versicherer bei Verbrechen vermutlich keine Entschädigungen zahlen würden. Ein Verbrecher könnte sich die Prämien allerdings nicht leisten. Je gefährlicher eine Person, desto mehr müsste sie an Prämien zahlen. Wenn sie anderen schaden, kostet das der Versicherung schließlich Geld. Daher würde der Normalbürger freiwillig keine gefährlichen Technologien oder Waffen haben, weil er dann enorme Summen aufbringen müsste, um versichert zu sein. Sie müssten nicht verboten werden.

Nur wenige hätten Zugriff – bei denen die Versicherung ein Auge darauf hat, dass sie nicht missbraucht werden. Jeder, der der Gesellschaft schaden wollte, wäre isoliert und würde von gigantischen Unternehmen gejagt werden, die schnell und flexibel sind und kein Kalkulationsproblem haben. Versagten sie, verlören sie Geld. Hätten sie Erfolg, machten sie Geld.

Je mehr Versicherte es gebe, desto geringer würde der Preis ausfallen, bis sich schließlich auch Bewohner von Diktaturen gegen ihre Regierung versichern könnten. Zudem nähme ein solches System jegliches Konfliktpotenzial. Es ist offensichtlich, dass die Versicherungen keinen Unschuldigen angreifen würden, weil sie dann ihre Preise erhöhen müssten und Kunden sowie Gewinn verlören und vermutlich auch Entschädigungen an andere Versicherungen zahlen müssten.

Angriffe sind nicht nur aussichtslos, sondern auch nicht zu rechtfertigen. Das minimiert zudem das Konfliktpotenzial mit künstlicher Intelligenz.

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Eine solche Ordnung würde auch die Probleme der „Malthusianischen Falle“ durch die Gehirnsimulationen lösen. Die Simulationshersteller würden sich ebenfalls versichern, da ihre Hardware in der realen Welt steht und gefährdet ist. Da die Versicherer wenig an Chaos interessiert sind, würden sie freiwillig umverteilen – von Simulationen und Kapitalbesitzern hin zu den Menschen, die mit ihren niedrigen Löhnen in der „Malthusianischen Falle“ sitzen. Vor allem löst es aber die Gefahr durch eine böse AI. Die Prämien für eine Firma, die keine gute AI entwickeln will, wären nicht bezahlbar. Die Versicherer würden hingegen enorme Summen in all jene investieren, die an einer guten AI arbeiten und dies alles überwachen. Jeder, der an einer bösen AI arbeitete, wäre isoliert, ungeschützt und finanziell ausgetrocknet.

Die Frage ist nun: Wie kommen wir vom Chaos der „staatlichen Sicherheit“ zur Ordnung der Privaten.

Bis jetzt waren alle Bestrebungen der libertären Bewegung auf Überzeugung ausgerichtet. Wir müssten demnach nur genug Menschen mit den Ideen der Freiheit konfrontieren und irgendwann, vielleicht in 10.000 Jahren, würde es dann umgesetzt werden. Das ist nicht nur extrem naiv, vor allem haben wir kaum noch Zeit. Eine bessere Idee ist es daher, die Staaten in etwas zu steuern, dass man als „staatliches Dilemma“ (angelehnt an das Gefangenendilemma) bezeichnen könnte. In einem solchen Dilemma, wäre die Existenz der Staaten durch bestimmte ökonomische Anreize der Bürger gefährdet und jede Maßnahme, mit der sich die Staaten wehrten, würde ihre Lage nur noch weiter verschlimmern.

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Ein Beispiel für ein solches Dilemma wäre eine freie Gesellschaft inmitten der staatlichen. In anderen Worten: Der Schwarzmarkt wäre so sicher, dass der Staat niemanden überführen kann (schon heute ist der Schwarzmarkt der am schnellsten wachsende und nach den USA der zweitgrößte Markt der Welt). Dann wäre jeder darauf aus, in dem steuer- und regulierungsfreien Schwarzmarkt zu handeln. Die Steuereinnahmen brächen weg – wenn der Staat die Steuern erhöhte, flöhen nur noch mehr in den Schwarzmarkt und am Ende existierte kein Staat mehr.

Die Versicherer würden über den Schwarzmarkt entstehen und ein Chaos beim Übergang vermeiden. Staatsprofiteure könnten selbst leicht das Lager wechseln. Auf diese Weise würden gewalttätige Reaktionen des untergehenden Staates minimiert werden. Nur wie schafft man so ein Dilemma? An dieser Stelle kommt die Kryptographie ins Spiel.

 

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Früher wurde Technologie zur Beherrschung der Umwelt erschaffen. Heute kreiert man mit Hilfe der Technologie völlig neue Welten. Dort ist Anarchie bereits jetzt möglich. Durch Kryptographie können Netzwerke erstellt und Daten verschlüsselt werden, die keine Regierung der Welt knacken kann. Die Nutzer sind vollkommen anonym und bestimmen die Gesetze in ihrer virtuellen Welt selbst. Wo die Gesetze des Staates nicht durchgesetzt werden können, haben sie keine Relevanz. Viel mehr als Textnachrichten umfasst diese Welt zwar noch nicht. Mit dem Aufkommen virtueller Realitäten wird sich das aber gegen Ende der 2020er Jahre ändern. Doch zunächst zu staatlichen Dilemmata, die bereits heute umsetzbar wären.

 

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Die soeben angedeutete Idee des Schwarzmarkts trägt den Namen „Counter-Economics“ oder „Agorismus“. Statt Gesetze zu ändern, macht man es einfach unmöglich sie durchzusetzen. Dafür kreiert man mit Hilfe der Kryptographie einen „Second Realm“ – eine Parallelgesellschaft innerhalb des staatlichen „First Realm“. Dazu braucht es eigenes anonymes Geld, einen Weg Eigentumsrechte durchzusetzen, Identitäten, Versicherungen, eigene Rechtsprechung und Sicherheitsfirmen sowie anonyme Kommunikation. Digital ist es relativ einfach über sogenannte Darknets und Verschlüsselungen einen „freien Raum“ zu erschaffen. Anonymisierungstechnologie ist weit genug, um risikofreie Kommunikation zu ermöglichen. Als Marktplatz könnte man beispielsweise eine Art „anonymes Ebay“ entwickeln. Bezahlt wird mit anonymen Peer-to-Peer-Währungen wie Bitcoin (der leider nicht ganz anonym ist, Alternativen gibt es aber bereits).

Keine Regierung der Welt könnte eine solche Währung verbieten, da es keinen zentralen Platz gibt, wo sie lagert. Sie befindet sich auf tausenden von Rechnern und die Nutzer sind allesamt nicht aufzufinden. Das „anonyme Ebay“ würde auf einen anonymen Server gestellt und die Software dafür frei verfügbar gemacht werden, so dass tausende von konkurrierenden Marktplätzen entstehen könnten. Die Reputation der Verkäufer oder Treuhänder stellen sicher, dass es keinen Betrug gibt. Geliefert wird entweder schlicht per Post oder bei heikler Ware per Geocaching. Der Käufer gibt sein Umfeld an, der Lieferant liefert irgendwo in die Umgebung und gibt die Koordinaten der der Ware an. Es könnten eigene Versicherungen abgeschlossen werden für Verluste, oder für den Fall, dass man geschnappt wird.

Ein solches Programm mit dem Namen SilkRoad existiert bereits. Für mehrere Millionen Dollar im Jahr werden dort Waffen, Drogen und Ähnliches gehandelt. Die Gewinnmargen scheinen momentan nur bei illegalen Waren ausreichend hoch zu sein. Je bankrotter und totalitärer die staatliche Wirtschaft angesichts der Depression jedoch wird, desto mehr werden in den „Second Realm“ wechseln. Und je mehr Menschen dies tun, desto weniger Steuergeld hat der Staat zur Verfügung, womit im „First Realm“ alles noch schlimmer wird und wieder mehr in den „Second Realm“ wechseln.

 

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Wirklich interessant ist das Ganze aber, wenn man die Implikationen überzeugender virtueller Realität betrachtet. Wieso sollte jemand noch im First Realm bleiben, wenn er dort wie ein Sklave behandelt und überwacht wird und Unmengen an Steuern zahlen muss, wenn er ganz einfach verschlüsselte und anonyme Existenzen in einer virtuellen Realität beginnen kann, die genauso real erscheinen wie die alte? Beinahe jeder würde wechseln, die Staaten wären pleite und die Menschen könnten sich ihre eigene Welt mit ihren eigenen Gesetzen aussuchen. Selbst wenn all das verboten würde, könnte mit Hilfe von Plattformen wie SilkRoad das entsprechende Equipment und Software gehandelt werden – die Gewinnmargen wären enorm und eine Weiterverbreitung mit Nanotechnologie sehr einfach.

Versicherer springen dort ein, wo die Regierungen untergegangen sind. Es ist schwer vorzustellen, dass der Staat das überleben würde. Problematisch ist allerdings, dass sobald vollständige virtuelle Realität durch Nanotechnologie im Gehirn simuliert werden kann, wohl jede Regierung gleichzeitig in der Lage sein wird Gedanken zu lesen. Es kommt wohl ganz darauf an, ob diese Entwicklung durch den Markt getrieben wird, oder nicht. Dann gäbe es wahrscheinlich alle möglichen Firewalls und Sicherungssysteme , die es schwer machten, in ein Gehirn einzudringen (jegliche Kryptographie wäre ansonsten unmöglich).

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All das wird etwa um das Jahr 2030 geschehen. Bis dahin bleibt sehr wenig Zeit. Man sollte die Regierungen dieser Welt nicht unterschätzen. Sie werden alles unternehmen, um das aufzuhalten. Jede erdenkliche Überwachung wird durchgeführt werden. Ein unglaublicher Drang zur Internationalisierung wird entstehen, vermutlich sogar eine Art Weltregierung. Allerdings wird die Internationalisierung eingeschränkt bleiben, da die Eliten einander nicht vertrauen können in Sachen technischer Entwicklung. Zusätzlich werden 3D-Drucker (die bald nicht nur Gegenstände aus Metall, sondern auch elektronische Geräte und vielleicht sogar Fleisch produzieren können) und später Nanotechnologie Gegendruck ausüben, da Produktion dann kaum mehr an Länder gebunden ist. Molekulare Fertigung wird sich bereits in den 2020ern entwickeln. Dadurch werden auch allerlei Regierungen nutzlos. Die Auswanderung in freiheitliche Länder wird sehr leicht und beliebt sein, da die Wirtschaft mehr und mehr informationsgetrieben sein wird. Informationen werden schließlich standortunabhängig ausgetauscht werden. Sezessionen werden einfacher, weil kleinere Länder nicht mehr überlebensnotwendig auf die umliegenden Märkte angewiesen sind, da mit Hilfe der Nanotechnologie keine langen Produktionsketten mehr notwendig sein werden.

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Spätestens mit dem Aufkommen der „Malthusianischen Falle“ durch die Simulationen, wird die Masse der Menschen sogar gezwungen sein, überwiegend virtuell zu leben. Gerade wenn die Staaten doch überleben sollten bzw. sich in der Phase hin zu ihrem sicherem Ende befinden, müssen sie aufgrund des Gefangenendilemmas enorme Summen in die technische Entwicklung stecken, um nicht überrannt zu werden. Vor allem müssen sie auch Kryptographie entwickeln. Daher wird sie weiterentwickelt werden. Und sie wird, selbst wenn sie verboten ist, geleaked und anschließend weiter verbreitet werden. Die Regierungen und Militärs werden Anonymisierung und Kryptographie haben wollen – vor allem gegen Technologie, die das Gedankenlesen ermöglicht. Letzten Endes sitzen dann nämlich alle im selben Boot – die Eliten müssen die Technologie, die sie gegen die Bevölkerung einsetzen wollen, selbst fürchten, da interne Machtkämpfe sie gefährden. Keiner wird mehr dem anderen vertrauen.

 

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Sollten sogenannte Quantencomputer entwickelt werden, könnten sie jegliches Passwort in Sekundenschnelle knacken, was eine große Bedrohung für die Freiheit darstellt. Es gibt jedoch bereits Ideen, mit Hilfe der Quantenmechanik Kryptographie zu entwickeln, die selbst dem Stand hält. Ohne das Vertrauensdilemma der Militärs wäre das das Ende jeglicher Freiheit. Der Wettbewerb wird sie jedoch dazu zwingen, Entsprechendes zu entwickeln. Je mehr Überwachung und Verbote es schließlich gibt, desto größer wird auch die Marktnachfrage nach Kryptographie werden. Wenn die virtuelle Realität mit der echten Welt verschmilzt, werden Menschen Anonymisierung und Verschlüsselung haben wollen. Momentan glauben sie lediglich, dass das Klicken auf dem PC niemand bemerkt. Der entsprechende Markt kommt dann erst richtig in Fahrt. Dennoch werden sich die Eliten mit all ihrer Macht wehren.

Vermutlich wird es zwischendurch sogar so aussehen, dass als hätte die Freiheit endgültig verloren. Aber die Möglichkeiten sind derart einzigartig, dass wir es nicht zulassen können zu verlieren. Die Entwicklung steht trotz allem auf Seiten der Freiheit. Wer sich gegen den technischen Fortschritt stellt oder ihn zu sehr missbraucht wird untergehen. Wir sollten aber vor allem sicherstellen, dass die Menschheit nicht im sinkenden Schiff des Staates sitzt und eine Ausweichmöglichkeit hat. Das rechtzeitige Timing könnte alles entscheiden.

 

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Übertragen von: Freiheitskeime 2013

 

Siehe auch:

Die 2045 Initiative

Agorismus

Wie könnte eine Privatrechtsgesellschaft in der Praxis funktionieren?

Das Darknet und Krypto-Anarchie

 

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Erik Vollstädt

Bitnation Lead Ambassador and Community Director. Born 1993, aspiring entrepreneur and champion of voluntary societies & private property ethics. Proponent of counter-economics and competing market currencies, such as cryptocurrencies. Represented Bitnation as Lead Ambassador since 2015 at the Riga Bitcoin and Cryptocurrencies Meetup, the iBGEk basic income stage discussion in Klagenfurt (Austria), the Cointelegraph Blockchain Conference in Helsinki, the Zündfunk Netzkongress in Munich, at itnig for the Barcelona Bitcoin Community during the Mobile World Congress 2017 and at the Bitnation DevCon 2017 in Amsterdam. Author of the Bitnation blog. Media appearances include Shift (Deutsche Welle), Der Fehlende Part (RT Germany) and Zündfunk (BR2). Coordinates Bitnation's ambassador network globally and organizes meetups all over Europe. Graduated in Business Innovation & Technology Management (M.Sc.) in Girona (Catalunya, Spain). Wants to live an international lifestyle.

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